„Deine Aktion macht mich echt sauer!“ oder „Wenn du so unfreundlich bist, werde ich richtig traurig.“ – Solche Äußerungen rutschen Eltern im stressigen Familienalltag schnell heraus, etwa wenn das Kind trotz mehrmaliger Bitte nicht kooperiert oder sich eine Situation ganz anders entwickelt als erhofft. Fast jeder hat solche Sätze schon einmal ausgesprochen oder zumindest im Stillen gedacht. Auf den ersten Blick wirkt diese Kausalität plausibel, denn das Verhalten des Kindes löst schließlich tatsächlich Gefühle in uns aus – wir empfinden Wut, Frust oder Enttäuschung. Bei näherer Betrachtung offenbart sich jedoch eine feine, aber entscheidende Differenz, die für die emotionale Reifung des Kindes von großer Relevanz ist.
Heranwachsende sollen die Tragweite ihres Tuns begreifen
Kinder kommen nicht mit dem fertigen Wissen auf die Welt, wie ihr eigenes Handeln auf ihre Mitmenschen wirkt. Dieses Verständnis – zu erkennen, dass Worte verletzend sein können, Taten Konsequenzen haben und andere Menschen individuelle Bedürfnisse, Grenzen und Gefühle besitzen – ist ein Lernprozess. Er ist eng mit der Fähigkeit zur Perspektivübernahme verknüpft, die sich über Jahre hinweg entwickelt. Ein Kleinkind kann sich noch nicht in dieselbe empathische Lage versetzen wie ein Schulkind oder ein Erwachsener; Empathie wächst maßgeblich durch zwischenmenschliche Erfahrungen. Daher ist es eine essenzielle elterliche Aufgabe, Kindern diese Zusammenhänge aufzuzeigen: Nimmt ein Kind einem anderen etwas weg, können wir benennen, dass dies das Gegenüber traurig macht. Schubst es jemanden, verdeutlichen wir, dass dies Schmerz verursacht und Grenzen respektiert werden müssen. Es ist wichtig, dass Kinder verstehen lernen, dass ihr Verhalten nicht folgenlos bleibt.
Die emotionale Verantwortung verbleibt beim Erwachsenen
Es ist jedoch ein gravierender Unterschied, ob Kinder die Folgen ihres Handelns verstehen oder ob sie für das emotionale Wohlbefinden eines Erwachsenen verantwortlich gemacht werden. Die Vermischung dieser Aspekte geschieht häufig, ist aber psychologisch betrachtet problematisch. Wenn wir sagen: „Du machst mich wütend“ oder „Wegen dir bin ich traurig“, bürden wir dem Kind die Verantwortung für unsere Innenwelt auf. Dabei entstehen Gefühle nicht linear durch eine äußere Handlung; sie sind das Ergebnis eines individuellen Zusammenspiels aus persönlichen Erwartungen, Erfahrungen, Bewertungen und der jeweiligen Kontextsituation. Dasselbe Verhalten kann bei verschiedenen Personen – oder bei derselben Person in verschiedenen Momenten – völlig unterschiedliche Emotionen auslösen. Wenn ein Kind beim Essen spielt, mag der eine Erwachsene dies gelassen hinnehmen, der andere sich darüber ärgern und ein dritter sich vielleicht sogar amüsieren. Das Verhalten bleibt identisch, die emotionale Antwort variiert jedoch. Unsere Gefühle sind demnach stets unsere eigene, innere Reaktion und liegen somit in unserer persönlichen Verantwortung.

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