Das kleine Mädchen und der kleine Junge, der ich (auch) noch bin

 

In einer Liebesbeziehung sind die beiden Hauptakteure nicht alleine. Dass die jeweiligen Elternpaare eine Rolle spielen, ja sogar die Herkunftsfamilie als solche, ist allgemein bekannt und wird in der klassischen Eheberatung teilweise ausführlich thematisiert. Unter systemischen Therapeuten gilt als gesichert, dass auch die erweiterte Herkunftsfamilie bis hin zur Reihe der Ahnen relevant für die späteren Einzelschicksale sind. Was also soll es da noch geben, was eine entscheidende Rolle auf das eheliche Beziehungsmiteinander ausübt? 

 

Nichts in unserer eigenen Biografie ist irrelevant und so ist es natürlich auch nicht die Geschichte unserer Kindheit. Ich möchte fast sagen, die ganz normale Geschichte unserer Kindheiten, denn es geht hier nicht primär nur um schwere Traumata, die wir als kleine Mädchen oder Jungen erlebt haben könnten. Es geht vielmehr um das ganz normale hereinwachsen in eine Gesellschaft, der Normierung und Anpassung hohe Güter sind. Es geht um teilweise überforderte Familien, Eltern bis hin zur sogenannten Einelternfamilie, die auf keine gewachsenen Strukturen mehr zurückgreifen können und unsicher bis hilflos auf eine sehr komplexe Umwelt reagieren. Das gilt zunächst hauptsächlich für die urbanen Gesellschaften der westlichen Hemisphäre, lässt sich dann aber auch zeitlich verlangsamt auf andere soziogeographische Bereiche herunterbrechen. 

 

Was bedeutet das alles für das kleine Mädchen, den kleinen Jungen in Dir und warum um Himmels willen ist das heute noch für Dich als Erwachsener relevant? 

 

Alle Erlebnisse und Erfahrungen, die Du jemals gemacht hast, sind in Dir gespeichert. Das gilt ganz besonders für die ersten extrem prägenden Jahre Deiner Kindheit, setzt sich dann aber noch in Jugend und Adoleszenz hinein fort. Die Informationen oder Erfahrungen werden von Dir auf Deinem jeweiligen Level verarbeitet, inklusive (Selbst-)Bewertung und Korrektur eigenen Verhaltens gemäß den Vorgaben Deiner jeweils dominierenden Umgebung: Bis in die Vorpubertät hinein sind das Deine Eltern, in der Jugend ist es die peer group (die Gruppe Gleichaltriger) und in der Adoleszenz sind es selbst gewählte Leitbilder und idealisierte Einzelpersonen bzw. -gruppen. 

 

Ich spreche immer wieder vom EGO. So bezeichne ich in Anlehnung an Eckhart Tolle die verarbeitete Sammlung aller Emotionen meines Lebens, inklusive der daraus abgeleiteten inneren Handlungsanweisungen. Schon sehr früh in der Kindheit beginnt dieses Teil ein Eigenleben und nährt bzw. definiert sich aus den Aussagen ÜBER das Kind: „Du bist hässlich, schön, langsam, fleißig, unfolgsam, wehleidig, liebenswert, bockig, nicht lieb zu Mama oder Papa, …“. Bis zu diesen Aussagen glaubt das Kind gar nichts über sich selbst, ist ein im positiven Sinne leerer Raum (was später in der Persönlichkeitsentwicklung wieder zum Ziel wird) und befüllt sich nun quasi mit den Aussagen über sich. Diese Aussagen glaubt es zunächst blind und erklärt sich das eigene So-Sein damit. ICH und Individualität entstehen gemein-sam mit der Abgrenzung nach außen. 

 

Dieses Bild über uns tragen wir ein Leben lang in uns. Im Voice Dialogue nennen wir die beiden grundlegenden Archetypen Schatten- und Sonnenkind. Das Schattenkind ist das traurige, betrübte kleine Kind, das erfährt, das es auf Ablehnung stößt und nicht durchweg positiv bewertet wird, weder in seinen Aktionen noch in seinem So-Sein. Es ist im Alter zwischen 3 und 10 Jahren in etwa (darunter können wir nur in Trancearbeit Informationen aus den Erinnerungen erhalten, darüber beginnt bereits die Vorpubertät und damit die Jugendzeit). Unser Schattenkind glaubt unbesehen alle Aussagen über sich selbst, erlebt es doch die Eltern de facto als Halbgötter und so kann es nicht differenzieren oder die Aussagen der Eltern relativieren bzw. auf ihren Sinngehalt hin prüfen. Auch nonverbale Informationen kommen bereits sehr früh bei dem Kind an: Man geht heute davon aus, dass bereits die mentalen Signale der Mutter vor der Geburt, also pränatal, das Kind beeinflussen. Ist das Kind nicht ganz angenommen, nicht ganz willkommen, oder erwartet die Mutter im Verlauf der Schwangerschaft, der Geburt oder der späteren Erziehung größere Probleme, so speichert bereits das Baby diese Informationen und bringt sie in unmittelbaren Zusammenhang mit sich selbst. Es kann noch nicht zwischen Außen und Innen unterscheiden und sieht sich in eins mit der Welt und eben ihren Aussagen über sich selbst. Diese Differenzierungsmöglichkeit beginnt erst in späteren Entwicklungsphasen, vor allem dann ab der Pubertät. 

 

Das Sonnenkind wiederum bildet den strahlen-den, fröhlichen Anteil unserer Kindheit ab. Tat-sächlich ist es bei jedem und stets vorhanden. Ich habe in meiner Arbeit Menschen begleitet, die teilweise schwerste traumatisierende Erlebnisse während ihrer Kindheit verarbeiten mussten. Da-runter waren sexueller Missbrauch oder schwere Gewalterfahrungen bzw. grobe Vernachlässigung. Sogar in diesen Fällen gab es immer einen Sonnenkindanteil! Diesen zu aktivieren und zu erinnern hat in der therapeutischen Arbeit immer ei-nen großen Erfolg gebracht; und auch in weniger dramatischen persönlichen Schicksalen kann das Sonnenkind uns wieder auf die richtige Lebensfährte bringen! Es zeigt uns, wo wir Spaß haben, was uns zum Lachen bringt, in welchen Bereichen wir uns im aktiven Tun selbst vergessen. Es zeigt uns unseren Flow und wie wir ihn erreichen und in unserem Leben integrieren. Und last but not least spielt es für unsere Beziehung eine ausschlaggebende Rolle, denn in der Verbindung der beiden Sonnenkindanteile miteinander geschieht gemeinsames Lachen, gemeinsamer Sport und Aktivitäten, die sich für beide leicht anfühlen und Paare tief miteinander verbinden. Aus diesem Reservoir kann auch in Beziehungsnotzeiten immer wieder erfolgreich geschöpft werden! 

 

Wir kennen jetzt also in unserem „inneren Team“ Sonnen- und Schattenkind. Tatsächlich kommen noch weitere Teammitglieder hinzu: Wir nennen sie Instanzen und sie sind sozusagen kleine Helfer unserer inneren Kinder. Bis zu 100 In-stanzen können in einem Menschen ihren Platz finden! Einige werden wir hier exemplarisch auf-führen, andere herauszufinden sind Teil eines psychologischen Coachings im Rahmen des Voice Dialogues. Wichtig ist dabei, dass wir die Instanzen als liebevolle Versuche wahrnehmen, wie sich das kleine Kind, das wir waren, schützen wollte. Ihr Impuls, ihre Antriebskraft ist Liebe und der Versuch, den kleinen Jungen und das kleine Mädchen zu schützen und bestmöglich an eine teilweise nur schwer begreifliche Umwelt anzupassen. Sie erfüllen also in der Kindheit einen wichtigen Zweck und sichern so nicht zuletzt das Überleben des Kindes psychisch und physisch ab; allerdings bleiben sie auch über Kindheit und Jugend aktiv und verrichten ihren Job auch beim Erwachsenen. Hier wird ihre Arbeit kontraproduktiv – vor allem, wenn sie unerkannt und unreflektiert ihren Job tun. Und sie tun ihn – und wie! Paul Watzlawick hat das ganze mal mit einem Segelschiff verglichen und die Instanzen beschrieben mit dem Versuch, das Schiff auf Kurs zu halten und noch mehr ein Kentern des Schiffes zu verhindern. Dabei lehnen sie sich weit über Bord hinaus und geben das auch nicht auf, denn sie haben Angst, dass ihr Loslassen das Sinken des Schiffes bedeuten könnte. 

 

Schauen wir uns mal einige dieser kleinen kindlichen Helfer an. Immer vorhanden ist der „Inne-re Kritiker“. Er kritisiert das Kind sozusagen schon mal prophylaktisch und nimmt damit die Kritik der Außenwelt – Eltern, Lehrer, andere Kinder – vorweg. 

 

Damit schützt er das Schattenkind vor den Negativbotschaften der anderen und erlaubt ihm gelassener mit ihnen umzugehen. Natürlich tut er, wie wir oben gesehen haben, den Job auch beim Erwachsenen und Du kennst sicher Selbstaussagen wie „Heute bin ich aber wieder dumm!“ – „Wie kann mich nur so anstellen!“ – „Ich bin zu dick, zu dünn, zu wenig qualifiziert, zu …!“ – „Ich finde nie einen Partner, der wirklich attraktiv – intelligent – gut zu mir ist!“ usw. usf. 

 

Achte einmal auf Deine Selbstverurteilungen und schau nach, wo sie herkommen. Versuche sie in Deiner Kindheit zu lokalisieren und zu verstehen, was da genau passierte. Identifiziere möglichst viele dieser Instanzen, so dass Du bei passenden Gelegenheiten, die Dich heute als Erwachsener in Stress und innere Unruhe versetzen, verstehen kannst, WER da WAS macht: „Ah, hier ist eine Frau in Not und mein kleiner innerer Helfer springt sofort ein – ungeachtet, ob das für mich wirklich gut ist!“ – „Mir rückt jemand zu nahe auf den Pelz und jetzt springt sofort der Wütende ein, der mir schon in der Kindheit half, die Leute auf Abstand zu halten!“ – „Eigentlich interessiert mich der Mann gegenüber ja gar nicht, aber mein Selbstwert ist gerade so niedrig, da kommt sofort die Verführerin und versucht ihn doch noch rum-zukriegen!“ – „Für mich interessiert sich ja niemand! Aber wenn ich von meinen Krankheiten du Leiden erzähle geben mir die Menschen Trost und Mitleid. Mein kleines Opfer ist also wieder aktiv!“ 

 

Denk immer dran: Das bist nicht DU! Nicht der erwachsene Mann, die erwachsene Frau von Hier und Heute. Es sind die immer aktiven Instanzen Deiner Kindheit, die Dein Schattenkind unterstützen wollten. 

 

Was hat das aber nun alles mit unserem Beziehungsthema zu tun? Wie sollen sich Deine kleinen Inneren Kinder und Instanzen auf die Beziehung auswirken? Was ist zu beachten und wie kannst Du damit umgehen? Vor allem aber, wie erkennst Du überhaupt, dass da was nicht stimmt und Du nicht aus Deiner Präsenz und Gegenwart heraus handelst? Aus dem mächtigen Erwachsenen, der Du heute bist? 

 

Es gibt einen ganz einfachen Gradmesser, der Dich bestimmen lässt, als WAS Du gerade unterwegs bist. Bist Du gelassen, entspannt, stressfrei bist Du in Deinem erwachsenen ICH. Rea-gierst Du aber auf Deinen Partner oder einen an-deren Menschen gestresst, hoch emotional, wütend oder tieftraurig, übernimmt Dein Schattenkind die Kontrolle, weil tiefe Erfahrungen und Glaubenssätze in ihm angesprochen werden. Un-aufgearbeitet oder unreflektiert hast Du aus Deinem bewussten ICH heraus keine Chance: Du wirst förmlich verdrängt und Dir entgleitet die Kontrolle über die Situation, über Dich selbst. In der Regel wird jetzt eine Schutzinstanz des Schattenkinds die Notbremse ziehen und hochaktiv werden, teilweise auch mehrere gleichzeitig. Beispielsweise kann der Wüterich schreien: „Du spinnst wohl! Wer macht hier immer die ganze Arbeit?“ Oder die Traurige zieht sich in eine Ecke zurück und leckt ihre Wunden. Der Richter bestraft womöglich den Partner mit Rückzug oder die Rächerin überlegt sich mögliche Konsequenzen für das ja unmögliche Verhalten ihres Partners. 

 

Um die Sache noch ein wenig komplizierter zu machen – hey, einfach kann ja schließlich jeder! – gibt es die Schattenkindausführung auch noch in der jugendlichen Variante. So wie wir ein Schatten- und Sonnenkind haben verfügen wir auch über einen Schatten- und Sonnenjugendlichen. Hier ist allerdings nicht mehr die elterliche Autorität überwiegend maßgebend für Entwicklung und ICH-Ausformung, sondern an ihre Stelle tritt die peer group. Die Gruppe Gleichaltriger macht jetzt Aussagen über Dich als jungen jugendlichen Menschen, die Dein Selbstbild maßgeblich mitprägen und auch noch einmal extrem stärkend oder traumatisierend auf Dich einwirken. Schau einmal selbst zurück: Warst Du eher der Klassensprecher, der bei allen beliebt war? Der Leader in Deiner Clique, den alle Mädchen / Jungen wollten? Oder warst Du eher der Außenseiter mit einem, maxi-mal zwei Freunden, die auch eher anders waren als die beliebten, hübschen, in jeder Hinsicht erfolgreichen anderen Jugendlichen? 

Das Selbstwertgefühl, das sich damals herausgebildet hat, ist in verschiedener Hinsicht für das Thema Partnerschaft relevant. Es beginnt mit der Partnerwahl und endet oft in einer (zu frühen) Trennung bzw. Scheidung. Deswegen lohnt es so sehr, dass Du Dir Deine Geschichte genau an-schaust. Nicht aus einem kritischen Blickwinkel heraus („Ich bin falsch!“), sondern aus einer verständnisvollen, liebevollen Haltung! „Verstehen heißt verzeihen!“ und das gilt in allererster Linie Dir selbst gegenüber. Du kamst als wunderbarer, absolut perfekter kleiner Mensch auf diese Welt. Nichts an Dir war falsch oder hätte verbessert ge-hört; nur Deine Umgebung hat aufgrund ihrer eigenen Situation (teilweise generationenalte systemische Verstrickungen) an Dir herumgedoktert, optimiert, verbessert, angepasst. Mit dem einzigen Erfolg Dir das Bild zu vermitteln: „Mit mir stimmt etwas nicht! Ich bin irgendwie falsch!“ In der Folge hast Du Dich dann angestrengt, angestrengt und noch mehr angestrengt, den Wünschen und Vorstellungen Deiner Umwelt zu entsprechen. 

 

Und jetzt in der Partnerschaft machst Du es wie-der. Du passt Dich an. Aber Du reagierst auch auf Botschaften, die Dir seltsam, aber unbewusst / unterbewusst, vertraut sind. Und genau deswegen dürft Ihr beide hier hinschauen – aber jeder für sich! Wann genau wird mein Schattenkind aktiv? Wann mein Schattenjugendlicher? Wie genau reagiert es oder er? Verstehe ich seine Reaktion, nehme ich sie bereits voll an und schenke ich meinem Schattenkind alle Liebe und Fürsorge, die es verdient? Denn nur ich bin heute, jetzt und hier, verantwortlich für meine Inneren Kinder und in der Lage, ihnen das zu geben, was sie brauchen: Verständnis, Liebe, Annahme, aber auch die erwachsene Konsequenz.

 

Bitte entlaste an dieser Stelle auch Deinen Partner – er kann Dir hierbei nicht helfen! Da musst Du alleine durch. Er drückt brav weiter die Knöpfe, die Dich zum durchdrehen bringen, aber genau das ist sein Job und er tut das – unbewusst – aus Liebe! Das ist Heilung, die in der Partnerschaft geschieht. Das ist auch kein Grund für Trennung, denn Deine wunden Stellen werden Dich weiter begleiten, auch in die nächste Partnerschaft hinein. Deswegen macht es mehr Sinn, hier und genau hier, auch wenn es so weh tut, zu bleiben und in den Heilungsprozess zu gehen. Auch wenn es schmerzhaft ist und mit unserer romantischen Vorstellung von Liebe und Ehe nicht viel gemeinsam hat … 

 

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