Emotional hungern in der Kindheit!

Das emotionale Hungern in der Kindheit beschreibt einen Zustand, in dem ein Kind zwar körperlich versorgt wird (Essen, Kleidung, Sicherheit), aber seine emotionalen Grundbedürfnisse nach Zuneigung, Bestätigung, Trost und Spiegelung nicht ausreichend erfüllt werden. Es ist wie eine Pflanze, die gegossen wird, aber ohne Sonnenlicht bleibt.

 

Hier eine detaillierte Aufschlüsselung mit konkreten Beispielen und den langfristigen Auswirkungen.

 

Wie sieht emotionales Hungern aus? (Praktische Beispiele)

 

Es ist oft unspektakulär und für Außenstehende kaum sichtbar, da keine offensichtliche Gewalt oder Vernachlässigung vorliegt.

 

1. Abwesenheit von emotionaler Spiegelung


Das Kind freut sich über einen selbstgemalten Regenbogen. Ein emotional verfügbarer Elternteil würde sagen: „Wow, der ist ja bunt geworden!“ oder „Du hast dir wirklich Mühe gegeben.“

 

  • Beispiel emotionalen Hungerns: Die Mutter schaut kurz hin, sagt „Hm, schön“ und wendet sich wieder dem Handy oder dem Abendessen zu. Das Kind lernt: „Meine Freude ist nicht wichtig. Meine Leistung erregt keine echte Resonanz.“

2. Fehlen von Trost bei Kummer


Das Kind stürzt vom Fahrrad, hat aufgeschürfte Knie und weint.

 

  • Beispiel: Der Vater sagt: „Das tut doch nicht weh, heul nicht so. Steh wieder auf.“ Oder er reagiert gar nicht. Statt getröstet zu werden, wird das Kind für seine Gefühle beschämt. Es lernt: „Traurigkeit ist schwach. Ich muss mit meinen Schmerzen allein klarkommen.“

3. Leistungszentrierte Liebe


Das Kind bekommt erst dann Beachtung oder Lob, wenn es etwas Besonderes leistet (gute Note, Sieg beim Turnier, brav sein).

 

  • Beispiel: Nach einer 1 in Mathematik gibt es ein aufgeregtes „Das ist mein Kind!“ und ein gemeinsames Eis. Nach einer 3 gibt es ein genervtes „Du kannst das doch besser“ – oder einfach nur Schweigen. Das Kind lernt: „Ich bin nur liebenswert, wenn ich funktioniere. Fehler machen mich wertlos.“

4. Instrumentalisierung des Kindes für Elternbedürfnisse


Das Kind wird zum emotionalen Mülleimer oder Ersatzpartner.

 

  • Beispiel: Die Mutter erzählt der 8-jährigen Tochter ausführlich von ihren Eheproblemen, ihrer Einsamkeit oder Finanzsorgen. Die Tochter soll trösten, Verständnis zeigen. Oder der Vater erwartet, dass der Sohn stolz auf seinen beruflichen Erfolg ist, ohne den Sohn nach dessen Befinden zu fragen. Das Kind lernt: „Meine eigenen Gefühle zählen nicht, ich bin für die Gefühle meiner Eltern da.“

5. Chronische Überforderung oder Distanziertheit


Die Eltern sind ständig gestresst, müde, abweisend oder mit sich selbst beschäftigt (z. B. durch Depression, Sucht, Burnout).

 

  • Beispiel: Das Kind kommt mit einer Zeichnung, die Mutter sitzt weinend am Tisch wegen Geldsorgen. Oder der Vater kommt von der Arbeit, geht direkt ins Arbeitszimmer und schließt die Tür. Das Kind zieht sich leise zurück, um keine Last zu sein. Es lernt: „Ich bin zu viel. Am besten bin ich still und unsichtbar.“

Auswirkungen auf das Leben & Beziehungen (Erwachsenenalter)

 

Diese frühen Lernerfahrungen prägen tiefe, oft unbewusste Überzeugungen und Verhaltensmuster.

 

1. In Beziehungen (Paare, Freunde)

 

  • Angst vor Nähe und Bindung: Man sehnt sich zutiefst nach Liebe, aber sobald jemand wirklich nah kommt, wird es bedrohlich (Angst vor Abhängigkeit, vor erneuter Enttäuschung). Man wechselt zwischen Hin- und Herziehen (attachment anxiety).
  • Unsichtbarkeit: Man zeigt sich nicht wirklich, teilt keine Schwächen oder tiefe Gefühle, weil man gelernt hat: „Wenn mich jemand wirklich kennt, wird er mich ablehnen.“ Man bleibt oberflächlich oder anpassend.
  • Pflegerolle: Man sucht sich unbewusst Partner, die bedürftig, unzugänglich oder emotional instabil sind. Man versucht, das zu geben, was man selbst nie bekam – und scheitert daran.
  • Konfliktscheu oder Eskalation: Entweder man schluckt alles herunter (friert ein) oder explodiert unvermittelt bei Kleinigkeiten, weil die Emotionen nie gelernt haben, in einer sicheren Umgebung reguliert zu werden.
  • Misstrauen: Man geht grundsätzlich davon aus, dass andere einen irgendwann verletzen, ausnutzen oder fallenlassen.

2. Im eigenen Selbstverhältnis (Persönlichkeit)

 

  • Chronisches Minderwertigkeitsgefühl: Eine tiefe, unbestimmte Überzeugung: „Irgendwas stimmt nicht mit mir.“ Obwohl man objektiv erfolgreich sein kann, fühlt man sich innerlich leer oder falsch.
  • Schwierigkeiten, Gefühle zu identifizieren (Alexithymie): Man weiß oft nicht, was man fühlt. Man kann „Bauchschmerzen“ oder „Leere“ spüren, aber nicht benennen, ob es Wut, Trauer, Einsamkeit ist.
  • Perfektionismus & hohe Leistungsbereitschaft: Der verzweifelte Versuch, durch Glanzleistungen endlich die ersehnte Anerkennung und Liebe zu bekommen. Aber sie kommt nie an, denn der innere Kritiker ist gnadenlos.
  • Unfähigkeit, zu entspannen und Genuss zu empfinden: Stille und Ruhe fühlen sich bedrohlich an (weil da die verdrängte Einsamkeit hochkommt). Man ist ständig in Aktion oder sucht Ablenkung (Handy, Arbeit, Sport, Alkohol).
  • Depression & Leere: Die ständige Unterversorgung mit emotionaler Nahrung hinterlässt ein Loch. Viele beschreiben es als: „In mir ist einfach nichts. Ich funktioniere, aber ich lebe nicht.“

3. Im Alltag und Beruf

 

  • Schlechtes Selbstfürsorge: Man ignoriert eigene Bedürfnisse (Hunger, Müdigkeit, Arztbesuche) so, wie die Eltern die emotionalen Bedürfnisse ignoriert haben.
  • Schwierigkeiten mit Autoritäten: Entweder unterwürfige Anpassung (man will ja endlich gemocht werden) oder trotziger Widerstand gegen jede Form von Kontrolle (weil Nähe und Führung als Bedrohung erlebt wird).
  • Übermäßige Verantwortung für andere: Man kann nicht Nein sagen, fühlt sich sofort schuldig und ist die Person, die immer organisiert, tröstet, löst – bis zur Erschöpfung.

Was kann man tun? (Kurzer Ausblick)

 

Die gute Nachricht: Emotionales Hungern ist heilbar, weil das Gehirn zeitlebens formbar ist (Neuroplastizität). Die Heilung geschieht nicht durch kognitive Einsicht allein, sondern durch korrigierende emotionale Erfahrungen:

 

  1. Tiefenpsychologisches Coaching (z. B. Analytische Psychologie, Transformationstherapie, Inner Voice Dialogue) ist der effektivste Weg. Der Coach wird zur „Ersatz-Bindungsperson“, die lernt in Bezug auf das Innere Team seines Klienten, zu spiegeln, zu trösten und zu halten. Es entsteht eine neue innere Stimme, die positiv und voller Wohlwollen ist (der „Innere Volker“, wie das eine Klientin von uns nennt). TERMIN BUCHEN
  2. Achtsamkeit und Selbstmitgefühl lernen: Dem inneren Kind, das so hungrig ist, endlich die liebevolle Zuwendung geben, die es nie bekam. Sätze wie: „Du darfst traurig sein. Du bist okay so, wie du bist.“
  3. Sichere Beziehungen aufbauen – Schritt für Schritt, auch mit engsten, emotional verfügbaren Freunden oder einer Selbsthilfegruppe (Vorsicht! Nur kurzzeitig.)
  4. Emotionale Bedürfnisse benennen lernen mithilfe von Gefühlswortlisten, Tagebuch, Körperarbeit.

Das tiefste Leid des emotionalen Hungers ist nicht der Schmerz selbst, sondern die Überzeugung: „Ich bin nicht liebenswert.“ Diese Überzeugung ist eine Lüge, die man als Kind übernommen hat. Sie lässt sich korrigieren – mit Geduld und dem Mut, sich endlich zu zeigen.

 

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