Wenn ein Kind über längere Zeit hinweg nicht genug liebevolle Aufmerksamkeit, Resonanz und emotionale Zuwendung erhält (eine sogenannte „emotionale Vernachlässigung“), kann das tiefe Spuren hinterlassen. Die Auswirkungen zeigen sich oft erst im Erwachsenenalter.
Hier sind typische Auswirkungen und konkrete Beispiele, wie diese Dynamik im Alltag ausgesehen haben könnte:
1. Geringes Selbstwertgefühl & tiefe innere Unsicherheit
- Auswirkung: Der innere Glaubenssatz lautet: „Ich bin nicht wichtig.“ / „Meine Bedürfnisse zählen nicht.“
- Konkretes Beispiel aus der Kindheit: Du kommst mit einer selbst gemalten Zeichnung nach Hause. Die Bezugsperson sagt nur „Stell es da hin“ oder reagiert gar nicht, weil sie mit dem Fernseher oder dem Handy beschäftigt ist. Du lernst: Was ich tue, interessiert keinen.
2. Schwierigkeiten, Emotionen zu regulieren oder zu benennen
- Auswirkung: Als Erwachsener weiß man oft nicht, was man gerade fühlt (Alexithymie) oder es kommt zu unkontrollierten Wut- oder Trauerausbrüchen.
- Konkretes Beispiel aus der Kindheit: Du weinst, weil du dich gestoßen oder einsam fühlst. Daraufhin wirst du ignoriert, ausgelacht oder bekommst gesagt: „Jetzt stell dich nicht so an.“ Du lernst, dass Gefühle stören und unterdrückt werden müssen.
3. Übermäßiges Pflichtbewusstsein & People-Pleasing
- Auswirkung: Man versucht ständig, es anderen recht zu machen, um endlich gesehen zu werden.
- Konkretes Beispiel aus der Kindheit: Du räumst heimlich die ganze Wohnung auf, machst Hausaufgaben ohne Hilfe, passt auf Geschwister auf – in der Hoffnung, dass Mama/Papa endlich sagen: „Das hast du toll gemacht.“ Doch die Bestätigung bleibt aus, du machst trotzdem immer weiter.
4. Angst vor Zurückweisung & Vermeidung von Nähe
- Auswirkung: Man traut sich nicht, Bedürfnisse zu äußern, und hält andere auf Distanz. Oder klammert umgekehrt panisch.
- Konkretes Beispiel aus der Kindheit: Du sitzt abends allein im dunklen Zimmer und traust dich nicht, ins Wohnzimmer zu gehen, weil du „nicht stören“ willst. Irgendwann fragst du gar nicht mehr nach einem Gute-Nacht-Kuss.
5. Chronisches Gefühl der Leere oder „High Functioning Depression“
- Auswirkung: Man funktioniert äußerlich perfekt, aber innerlich fühlt es sich an wie eine Wüste.
- Konkretes Beispiel aus der Kindheit: Du bist auf dem Schulhof immer allein, aber du sagst zu Hause auf die Frage „Wie war’s?“ nur „Gut“, weil du gelernt hast, dass niemand wirklich zuhört. Du ziehst dich in Bücher, Fantasiewelten oder Leistung zurück.
6. Probleme mit der körperlichen und seelischen Selbstfürsorge
- Auswirkung: Man vernachlässigt unbewusst die eigene Gesundheit oder Gefühle.
- Konkretes Beispiel aus der Kindheit: Du gehst mit Halsschmerzen oder einem blauen Fleck nicht zu deinen Eltern, weil du glaubst, „die wollen das nicht hören“. Diese innere Haltung bleibt: Man geht erst zum Arzt, wenn es lebensbedrohlich ist.
Wichtig zu verstehen:
Emotionale Vernachlässigung ist oft unsichtbar. Es gab vielleicht keine Schläge, keine Verwahrlosung – aber ein Mangel an freudvoller Zuwendung, an Spiegelung („Ich sehe dich, so wie du bist – du bist gut“).
Heute weiß man: Das Gehirn von Kindern ist auf Resonanz angewiesen, um ein stabiles Selbst zu entwickeln. Fehlt diese, entsteht kein sicherer Hafen im eigenen Inneren.
Gute Nachricht: Diese Muster sind heilbar. Durch sichere Beziehungen (Coaching / Therapie, gute Freunde, Partnerschaften) und durch das bewusste Lernen, den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen endlich Aufmerksamkeit zu schenken. Der erste Schritt ist oft, zu erkennen: „Ja, so war es damals für mich – und es war nicht mein Fehler.“
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