Der Kreislauf, der dich nicht gehen lässt – Circle of Abuse erklärt

Der Circle of Abuse (auch Zyklus der Gewalt genannt) ist ein Modell, das die typischen, sich wiederholenden Phasen in einer missbräuchlichen Beziehung beschreibt. Es wurde in den 1970er Jahren von der Psychologin Lenore Walker entwickelt. Der Kreislauf hilft zu verstehen, warum Betroffene oft über lange Zeit in gewalttätigen Beziehungen verharren, obwohl sie objektiv unter der Situation leiden.

 

Die drei Hauptphasen des Circle of Abuse sind:

 

  1. Phase der Spannungsaufbauphase (Tension Building)
    • Was passiert? Kleine Konflikte, passive Aggression, Kritik, Eifersucht oder finanzielle Kontrolle nehmen zu. Der Täter wird gereizt, die Stimmung ist angespannt. Das Opfer versucht, den Täter zu beschwichtigen, sich anzupassen oder Konfrontationen zu vermeiden ("auf Eierschalen gehen").
    • Wirkung auf Betroffene: Ständige Angst, innere Unruhe, Hypervigilanz (ständige Alarmbereitschaft), Erschöpfung, Selbstzweifel.
  2. Phase der akuten Gewalt (Acute Explosion / Akute Missbrauchshandlung)
    • Was passiert? Die angestaute Spannung entlädt sich in einem Gewaltausbruch. Dies kann physisch (Schläge, Würgen), psychisch (massive Demütigungen, Drohungen), sexuell (Vergewaltigung) oder wirtschaftlich (Zerstörung von Eigentum, Kündigung des Jobs des Opfers) sein.
    • Wirkung auf Betroffene: Schock, physische Schmerzen, akute traumatische Belastung, Ohnmacht, Orientierungsverlust, manchmal Dissoziation (Gefühl der Unwirklichkeit).
  3. Phase der Honigmond-/Reuephase (Honeymoon Phase / Reconciliation / Love Bombing)
    • Was passiert? Der Täter zeigt plötzlich Reue, entschuldigt sich ("Es tut mir so leid"), wird liebevoll, verspricht Besserung (z. B. Therapie), macht Geschenke oder romantische Gesten. Manchmal wird die Gewalt auch bagatellisiert ("Du weißt, wie du mich provozierst").
    • Wirkung auf Betroffene: Erleichterung, Hoffnung, Verwirrung. Die positiven Gefühle aus der Anfangszeit der Beziehung werden wieder wachgerufen. Das Opfer denkt: "Er meint es doch ernst. Vielleicht war ich zu empfindlich."

Der Kreislauf beginnt dann erneut – die Spannung baut sich wieder auf, gefolgt vom nächsten Ausbruch. Mit jedem Durchlauf verkürzt sich oft die Honigmondphase, während die Gewalt zunimmt.

 

Was macht der Circle of Abuse mit den Betroffenen?

 

Die wiederholte Abfolge dieser Phasen führt zu tiefgreifenden psychischen Schäden, die erklären, warum Aussteigen so schwer ist:

 

  • Traumabindung (Trauma Bonding): Durch den Wechsel zwischen extrem negativen (Gewalt) und extrem positiven (Liebe nach der Gewalt) Erlebnissen entsteht eine starke, pathologische Bindung an den Täter – ähnlich wie bei Geiseln. Die positiven Momente werden überbewertet.
  • Selbstzweifel & Gaslighting: Die Betroffenen beginnen an ihrer eigenen Wahrnehmung zu zweifeln ("Ist es wirklich so schlimm?"), weil auf die schlimme Phase stets eine schöne folgt, in der der Täter so lieb ist.
  • Erlernte Hilflosigkeit (Learned Helplessness): Da alle Versuche, die Spannung zu reduzieren oder die Gewalt zu verhindern, scheitern (man kann den Ausbruch doch nicht kontrollieren), geben die Betroffenen innerlich auf. Sie glauben nicht mehr, dass Aussteigen möglich ist.
  • Depression & PTBS: Chronische Angst, Alpträume, Flashbacks, Schlafstörungen, soziale Isolation (oft vom Täter forciert) und das Gefühl völliger Wertlosigkeit.
  • Scham und Schuldgefühle: Die Betroffene Person schämt sich, in dieser Situation zu sein, und fühlt sich häufig selbst schuldig ("Wenn ich mich nur ruhiger verhalten hätte...").

Warum ist dieses Modell wichtig?

 

Es entlastet die Betroffenen von der Frage: "Warum gehst du nicht einfach weg?" Der Circle of Abuse zeigt, dass es nicht nur schlechte Zeiten gibt, sondern dass die guten Zeiten gezielt eingesetzt werden, um die Bindung aufrechtzuerhalten. Ohne die Honigmondphase würden viele Opfer die Beziehung sofort verlassen.

 

Wichtig zu wissen: Nicht jede missbräuchliche Beziehung folgt exakt diesem Schema (z. B. kann die Honigmondphase völlig fehlen). Das Modell dient vor allem dem Verständnis von häuslicher Gewalt in Paarbeziehungen – es lässt sich aber auch auf andere dynamische Missbrauchsverhältnisse (z. B. Sekten, abusive Chefs) übertragen. Wenn du selbst betroffen bist: Es gibt Hilfsangebote - Hilfe gibt es vertraulich, kostenlos & deutschlandweit:  Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen: 116 016

 

Um grundlegend aufzuarbeiten, WARUM Du in so einer Beziehung bist und wie Du da wieder raus kommst - wenn Du das willst - mach mit uns einen Termin aus: TERMIN BUCHEN

 

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