Essstörungen (wie Anorexie, Bulimie oder Binge-Eating-Störung) sind keine Charakterschwächen, sondern ernsthafte psychische Erkrankungen. Sie erfüllen für die Betroffenen oft unbewusst bestimmte psychologische Funktionen, die kurzfristig entlasten, langfristig aber schaden.
Die wichtigsten psychologischen Funktionen im Überblick:
1. Regulationsfunktion für unerträgliche Gefühle
Essstörungen helfen, intensive Emotionen wie Wut, Trauer, Einsamkeit, Angst oder Scham zu betäuben, zu kontrollieren oder zu kanalisieren. Die Beschäftigung mit Essen, Gewicht und Körper lenkt
von innerem Schmerz ab.
- Bulimie: Essanfälle unterbrechen Anspannung, Erbrechen wirkt wie eine „emotionale Reinigung“.
- Anorexie: Hungerzustand erzeugt eine betäubende, manchmal euphorische Ruhe (Endorphinausschüttung).
2. Kontrollfunktion bei erlebter Ohnmacht
In einem Umfeld, das als chaotisch, übergriffig oder unberechenbar erlebt wird (z. B. vernachlässigende, überbehütende oder missbräuchliche
Familie), kann die rigorose Kontrolle über Essen und Gewicht das einzige gefühlte Machtinstrument sein. Der Körper wird zur letzten Bastion der Autonomie.
3. Identitäts- und Abgrenzungsfunktion
Besonders in der Adoleszenz kann eine Essstörung als verzerrter Lösungsversuch für Ablösungskonflikte dienen: „Ich bin nicht wie du – ich esse nicht“ (Abgrenzung von einer als dominant erlebten
Mutter) oder als Ausdruck von Perfektionismus und Überangepasstheit („das brave, bedürfnislose Mädchen“).
4. Kommunikationsfunktion
Wenn Gefühle oder Konflikte nicht direkt ausgedrückt werden können (z. B. in Familien mit hohem Harmoniezwang), wird der Körper zum
Sprachrohr. Die Essstörung schreit stumm: „Mir geht es schlecht!“, „Beachtet mich!“, „Hört auf zu streiten – ich bin krank!“ Sie kann familiäre Dynamiken blockieren oder auf das erkrankte
Mitglied zentrieren.
5. Selbstwert- und Bestätigungsfunktion
In einer Kultur, die Schlankheit mit Disziplin, Erfolg und Wert gleichsetzt, wird über Essverhalten und Gewicht Selbstachtung reguliert. Jedes abgenommene Gramm fühlt sich wie ein Triumph an,
jedes zugenommene wie ein moralischer Verfall. Die Störung liefert eine scheinbar objektive Messlatte für Selbstkontrolle.
6. Schutz vor Entwicklungsaufgaben
Eine Essstörung kann vor erwachsenen Anforderungen (Sexualität, Partnerschaft, Berufsentscheidungen) schützen, indem sie den Körper infantilisiert (Amenorrhö bei Magersucht) oder das Leben auf
die Störung zentriert. Sie erlaubt einen Rückzug aus dem fordernden Leben.
Wichtiger Hinweis:
Diese Funktionen sind keine bewussten Entscheidungen, sondern automatisch ablaufende, krankheitserhaltende Mechanismen. Sie zu verstehen hilft im Coaching bei uns, alternative Strategien für den
Umgang mit Gefühlen, Konflikten und Beziehungen zu erlernen.
Wenn Sie oder eine Ihnen nahestehende Person betroffen sind: Essstörungen sind gut behandelbar, aber nicht allein durch Willenskraft überwindbar. Professionelle Hilfe ist entscheidend.

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