Wie fühlt es sich eigentlich an, wenn meine Eltern nicht auf meiner Seite waren?

Es ist wichtig zu verstehen, dass es sich nicht um ein Gefühl handelt, sondern um eine komplexe und tief verwurzelte Erfahrung, die sich auf die gesamte Persönlichkeit und das Leben auswirken kann. Es ist, als würde man versuchen, ein Haus auf einem Fundament zu bauen, das Risse hat.

 

Hier ist eine Aufschlüsselung, wie es sich anfühlen kann und welche Auswirkungen es auf die psychische Entwicklung hat:

 

Wie es sich anfühlen kann: Ein Sturm der Emotionen

 

Stell dir vor, du stehst in einem Kampf (im übertragenen Sinne, vielleicht mit einem Freund, einem Lehrer, mit den eigenen Gefühlen oder mit der Welt) und du schaust dich um, um Verstärkung zu holen – und die Person, die dich eigentlich bedingungslos decken sollte, ist entweder gar nicht da, steht auf der anderen Seite oder schaut einfach nur zu.

 

  1. Tiefe Einsamkeit und Verlassenheit: Das ist wohl das Kerngefühl. Du bist mit deinem Erlebnis, deinem Schmerz oder deiner Ungerechtigkeit ganz allein. Es gibt keine sichere Basis, zu der du zurückkehren kannst. Die Welt fühlt sich plötzlich viel größer und bedrohlicher an.
  2. Verwirrung und Orientierungslosigkeit: Eltern sind in der Kindheit der Kompass, der uns sagt, was richtig und falsch ist, wer wir sind und ob wir wertvoll sind. Wenn dieser Kompass nicht auf dich zeigt, verlierst du die Orientierung. Du denkst: "Bin ich im Unrecht? Ist mein Gefühl falsch? Sehe ich das alles falsch?"
  3. Selbstzweifel und Schuldgefühle: Kinder sind von Natur aus egozentrisch (nicht im negativen Sinne, sondern sie beziehen die Welt auf sich). Wenn die Eltern nicht hinter einem stehen, denken viele Kinder automatisch: "Es muss an mir liegen. Ich bin nicht gut genug. Ich habe etwas falsch gemacht, um diese Strafe zu verdienen." Das Schuldgefühl kann sich tief ins Innere fressen.
  4. Wut und Frustration: Irgendwann kommt die Wut. Wut auf die Eltern für ihre Blindheit, ihre Ungerechtigkeit oder ihre emotionale Abwesenheit. Diese Wut kann sich aber auch gegen einen selbst richten oder in passiv-aggressivem Verhalten äußern, weil es sich oft nicht "erlaubt" anfühlt, wütend auf die Eltern zu sein.
  5. Traurigkeit und ein Gefühl des Verlustes: Es ist eine anhaltende, leise Traurigkeit. Du trauerst um die Eltern, die du gerne gehabt hättest – um die beschützende, verständnisvolle Instanz, die du in dem Moment so dringend gebraucht hast.
  6. Scham: Du schämst dich vielleicht für deine Familie, für die Situation, oder sogar für dich selbst und das Gefühl, nicht genug Unterstützung zu verdienen. Man zieht sich zurück, um nicht die Fragen anderer beantworten zu müssen ("Was sagen deine Eltern dazu?").

Problematisierung der psychischen Entwicklung

 

Diese Gefühle sind nicht nur vorübergehend; sie können tiefe Spuren in der Persönlichkeitsentwicklung hinterlassen, wenn sie nicht verarbeitet werden.

 

  1. Unsicheres Bindungsverhalten: Die Bindungstheorie zeigt, dass Kinder, deren Eltern keine verlässliche sichere Basis bieten, oft unsichere Bindungsmuster entwickeln. Das kann sich im Erwachsenenleben zeigen als:
    • Ängstliche Bindung: Ständige Angst, von nahestehenden Personen verlassen zu werden, enormes Klammern und Bedürfnis nach Bestätigung.
    • Vermeidende Bindung: Man traut sich nicht, Nähe zuzulassen, hält andere auf Abstand, um nicht wieder enttäuscht oder verletzt zu werden. Man wird zum "Einzelkämpfer".
    • Desorganisierte Bindung: Eine Mischung aus beiden, oft mit chaotischen Beziehungsmustern.
  2. Geringes Selbstwertgefühl und Selbstkonzept: Die Eltern sind die ersten "Spiegel", in denen wir unser Bild von uns selbst sehen. Wenn dieser Spiegel keine Liebe und Unterstützung zurückwirft, sondern Gleichgültigkeit oder Ablehnung, entsteht das tiefe Gefühl, nicht liebenswert zu sein. Man definiert seinen Wert oft über Leistung oder die Anerkennung anderer und ist extrem verletzlich durch Kritik.
  3. Probleme mit Vertrauen: Wenn die ersten und wichtigsten Beziehungen im Leben (zu den Eltern) nicht verlässlich sind, lernt man, dass Beziehungen unsicher sind. Dieses Misstrauen überträgt sich oft auf Freundschaften und Partnerschaften. Es fällt schwer, sich zu öffnen und zu glauben, dass der andere einen nicht auch irgendwann im Stich lässt.
  4. Emotionsregulation: Eltern helfen uns, unsere Gefühle zu verstehen und zu regulieren. Wenn sie nicht "auf deiner Seite" sind, validieren sie deine Gefühle nicht. Du lernst vielleicht, dass deine Gefühle nicht in Ordnung sind. Das kann dazu führen, dass du Gefühle unterdrückst oder im Gegenteil, dass dich Gefühle völlig überfluten, weil du keine Strategien gelernt hast, mit ihnen umzugehen.
  5. Übernahme von Verantwortung (Parentifizierung): In manchen Fällen führen solche Dynamiken dazu, dass das Kind die Rolle des Erwachsenen übernimmt. Es versucht, den Frieden zu wahren, die Eltern zu trösten oder ihre emotionalen Bedürfnisse zu erfüllen. Als Erwachsener hat man dann oft das Gefühl, für das Wohlbefinden aller um einen herum verantwortlich zu sein und die eigenen Bedürfnisse dabei zu vergessen.
  6. Anfälligkeit für psychische Probleme: All diese Faktoren können die Anfälligkeit für Depressionen, Angststörungen und im schlimmsten Fall für die Entwicklung einer Borderline-Persönlichkeitsstörung erhöhen, die oft mit frühen traumatischen Bindungserfahrungen in Verbindung gebracht wird.

Es ist wichtig zu betonen: Diese Probleme sind keine unveränderlichen Schicksalsschläge. Das Bewusstsein dafür ist der erste und wichtigste Schritt zur Heilung. Durch tiefenpsychologisches Coaching - TERMIN BUCHEN -, unterstützende Beziehungen (zu Freunden, Partnern, anderen Vertrauenspersonen) und die bewusste Arbeit an sich selbst kann man lernen, diese alten Wunden zu verstehen, das innere "Kind" zu heilen und neue, gesündere Beziehungs- und Lebensmuster zu entwickeln. Der Schmerz war real, aber er muss nicht die gesamte Zukunft bestimmen.

 

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