Wenn meine Mutter wieder stundenlang, manchmal tagelang, nicht mit mir spricht – wenn sie mich ignoriert, als wäre ich unsichtbar – dann habe ich etwas ganz Schlimmes getan.
Dann bin ich falsch.
Dann muss ich nur herausfinden, was ich falsch gemacht habe, und mich entschuldigen – dann wird sie wieder lieb sein.
Was ich heute weiß:
Das nennt man emotionale Bestrafung. Schweigen als Waffe.
Ein Kind so zu behandeln, als wäre es Luft, weil es etwas gesagt oder getan hat, was einem Erwachsenen nicht passt – das ist keine Erziehung. Das ist Machtausübung.
Und kein Kind sollte um ein bisschen Wärme betteln müssen.
Aber wehe, du hast geweint. Dann kam der zweite Satz…“
„Als Kind dachte ich:
Wenn Papa mich anschreit, weil ich geweint habe – dann bin ich wirklich zu empfindlich. Dann stimmt etwas nicht mit mir.
Andere Kinder weinen doch auch nicht so viel. Meine Gefühle sind das Problem. Also habe ich gelernt, sie runterzuschlucken. Tief runter.
Was ich heute weiß:
Ein erwachsener Mensch, der ein weinendes Kind anschreit, hat selbst keine Kontrolle über seine eigenen Gefühle.
Das Kind war nie das Problem. Das Kind war einfach nur ein Kind. Mit echten, echten Gefühlen.
Und die waren nie zu viel. Sie waren nur zu viel für die Person, die eigentlich hätte beschützen sollen.
Das tut immer noch weh. Das wird wahrscheinlich immer ein bisschen wehtun. Und das ist okay.“
„Als Kind dachte ich:
Liebe gibt es nicht einfach so. Liebe muss man sich verdienen. Mit guten Noten. Mit Funktionalität. Mit Nettsein, auch wenn man erschöpft ist. Mit Lachen, auch wenn man traurig ist. Wenn ich nur
genug gebe, genug leiste, genug schlucke – dann bin ich liebenswert.
Was ich heute weiß:
Liebe, die an Bedingungen geknüpft ist, ist keine Liebe. Das ist ein Handel. Ein Kind in diese Welt zu setzen und dann zu erwarten, dass es sich seine Grundversorgung an Zuneigung und Sicherheit
jeden Tag neu verdient – das ist nicht normal. Das ist nicht gesund. Und ich habe jahrelang geglaubt, dass ich einfach nicht gut genug war. Dabei war das System, in dem ich aufgewachsen bin,
einfach kaputt.
Das zu erkennen – das war wie ein Schlag in die Magengrube. Aber es hat mich auch befreit. Ein bisschen. Ganz langsam.“
„Und jetzt kommt der wichtige Teil:
Ich werde dir nicht sagen, dass alles gut ist. Ich werde dir nicht sagen: ‚Schau nach vorne, das Leben ist schön.‘ Nein. Das Leid ist echt. Die Narben sind da. Und wenn du Ähnliches erlebt hast –
dann bist du nicht allein. Und dein Schmerz wird hier nicht weggeredet. Er darf erstmal einfach da sein.“
„Und heute?
Heute versuche ich, mir selbst das zu geben, was mir damals gefehlt hat. Heute sage ich zu mir: Du musst dich nicht mehr klein machen, um geliebt zu werden. Du musst deine Gefühle nicht mehr
wegdrücken. Und du bist nicht zu viel.
Das ist ein langer Weg. Aber der erste Schritt war: Mein Leid sehen. Wirklich sehen. Und das tue ich jetzt.

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