Väter mit Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS)

 

Aus der Perspektive eines erwachsenen Kindes

 

Als erwachsenes Kind eines Vaters mit Borderline-Persönlichkeitsstörung blicke ich auf eine Kindheit und Jugend zurück, die von unberechenbarer Wut, emotionaler Distanz und gleichzeitiger Verschmelzung geprägt war. Die Dynamik unterscheidet sich in mancher Hinsicht von der einer Mutter mit BPS – nicht unbedingt in der Schwere, aber im Erscheinungsbild und in der sozialen Wahrnehmung.

 


 

Besonderheiten der Vater-Kind-Beziehung

 

1. Wut als dominierendes Gefühl

 

Während bei Müttern mit BPS oft die Verlassenheitsangst und emotionale Abhängigkeit im Vordergrund stehen, zeigte sich die Erkrankung meines Vaters vor allem durch rasende, unkontrollierbare Wut. Eine Kleinigkeit – ein falsches Wort, ein vergessenes Glas – und die Stimmung kippte. Ich lernte, mich lautlos zu bewegen, meine Anwesenheit zu minimieren. Die Angst vor seinem Zorn war allgegenwärtig.

 

2. Unberechenbare Zuwendung

 

Es gab Phasen intensiver Zuneigung, in denen er mich überall hin mitnahm, mich mit Geschenken überhäufte und mich „seine Prinzessin“ / „seinen Jungen“ nannte. In diesen Momenten fühlte ich mich besonders, auserwählt. Doch diese Phasen endeten abrupt, oft ohne erkennbaren Grund. Dann war da wieder der Mann, der durchs Haus ging, ohne mich zu sehen, oder der mich mit eisigem Schweigen strafte.

 

3. Eifersucht und Konkurrenz

 

Anders als viele Mütter mit BPS, die eher um die emotionale Nähe kämpfen, zeigte mein Vater eine starke eifersüchtige Komponente. Freundschaften, erste romantische Beziehungen, sogar die Bindung zu meiner Mutter – alles wurde als Bedrohung seiner Position erlebt. Er konkurrierte um Aufmerksamkeit, manchmal offen, manchmal durch subtile Abwertung der Menschen, die mir wichtig waren.

 

4. Die beschädigte Männlichkeit / Väterlichkeit

 

Für mich als Kind war es verwirrend: Ein Vater sollte doch Schutz und Sicherheit bieten. Stattdessen war er die größte Bedrohung. Ich sehnte mich nach einem starken, verlässlichen Vater – und erlebte einen Mann, der einerseits übergriffig stark auftrat und andererseits in Krisen völlig zerbrach, weinte, drohte, sich etwas anzutun. Dieses widersprüchliche Bild von Männlichkeit hat meine späteren Beziehungen zu Männern lange geprägt.

 

5. Andere gesellschaftliche Blindheit

 

Ein wesentlicher Unterschied: Die Gesellschaft sieht Väter mit psychischen Erkrankungen weniger. Meine Mutter bekam manchmal verständnisvolle Blicke, bei meinem Vater hieß es: „Ach, der hat halt ein Temperament“ oder „Männer sind eben so“. Seine Ausbrüche wurden verharmlost, seine Abwesenheiten als „arbeitsbedingt“ gedeutet. Die Erkrankung blieb unsichtbar – und damit auch mein Leid.

 


 

Auswirkungen auf die Kindheit

 

Frühe Übernahme von Schutzfunktionen

 

Ich wurde früh zur Beschützerin meiner Mutter und meiner Geschwister. Wenn seine Wut eskalierte, versuchte ich, die Situation zu entschärfen, ihn abzulenken, meine Mutter in ein anderes Zimmer zu bringen. Ich war kein Kind – ich war Feuerwehr, Friedensstifterin, manchmal sogar sein Gegenüber, das ihn zur Vernunft bringen sollte. Die Verantwortung war erdrückend.

 

Entwicklung von Angststörungen

 

Die Unberechenbarkeit seines Verhaltens führte bei mir zu generalisierter Angst. Ich hatte ständig körperliche Symptome: Bauchschmerzen, Übelkeit, Herzrasen. Ich konnte nicht einschlafen, weil ich fürchtete, was passieren könnte, wenn ich nicht wach war und aufpasste. Alpträume waren an der Tagesordnung – oft träumte ich, er würde uns verlassen oder ich müsste ihn vor etwas Schlimmem bewahren.

 

Verlust des Vertrauens in Autorität

 

Ein Vater sollte eine Autorität sein, an der man sich orientieren kann. Bei mir wurde Autorität mit Willkür, Ungerechtigkeit und Gefahr gleichgesetzt. Das hatte Folgen für mein Verhältnis zu Lehrern, Vorgesetzten und anderen Autoritätspersonen – ich begegnete ihnen entweder unterwürfig oder rebellisch, selten auf Augenhöhe.

 

Verschmelzung und Verschwinden des Selbst

 

In seinen „guten“ Phasen wollte er mich ganz für sich. Ich sollte seine Interessen teilen, seine Meinungen übernehmen, sein verlängerter Arm sein. Mein eigener Geschmack, meine eigenen Gedanken – sie waren nicht erwünscht. Ich lernte, mich anzupassen, mich in das zu verwandeln, was er gerade brauchte. Wer ich wirklich war, wusste ich lange nicht.

 


 

Auswirkungen auf die Jugend

 

Probleme mit männlichen Bezugspersonen

 

In der Pubertät suchte ich unbewusst nach dem verlässlichen Vater, den ich nie hatte. Das führte zu problematischen Beziehungen zu älteren Männern, männlichen Lehrern, später zu Partnern. Ich verwechselte oft Kontrolle mit Fürsorge und hatte Schwierigkeiten, gesunde Grenzen zu erkennen.

 

Wut und ihre Verkehrung

 

Von meinem Vater hatte ich gelernt, dass Wut zerstörerisch ist. Also schlug ich meine Wut nach innen. Ich entwickelte selbstverletzendes Verhalten, Essstörungen, eine Zeit lang auch exzessiven Sport bis zur Erschöpfung – alles Versuche, den Druck irgendwo abzulassen. Gleichzeitig hatte ich Phasen, in denen ich selbst wütend und impulsiv wurde, nur um dann in tiefe Scham zu fallen.

 

Risikoverhalten als Flucht

 

Die Atmosphäre zu Hause war oft unerträglich. Ich suchte frühe Unabhängigkeit durch riskantes Verhalten: zu frühe sexuelle Erfahrungen, Alkohol, nächtelanges Wegbleiben. Es war nicht „Rebellion“ im klassischen Sinne – es war schlicht Flucht vor dem, was mich zu Hause erwartete.

 

Schwierigkeiten mit Intimität

 

Nähe bedeutete für mich lange Zeit: Kontrollverlust, Gefahr, übergriffige Zuneigung. Gleichzeitig sehnte ich mich verzweifelt nach Nähe. Diese Ambivalenz machte Beziehungen zu einem Minenfeld. Ich sprang zwischen extremem Klammern und plötzlichem Rückzug hin und her – und erschrak, als ich die Muster meines Vaters in mir wiederentdeckte.

 


 

Langfristige Folgen im Erwachsenenalter

 

Im Beziehungsleben

 

Ich habe lange gebraucht, um zu lernen, dass Männer auch verletzlich sein dürfen, ohne gefährlich zu werden. Ich wählte oft Partner, die mir entweder zu ähnlich waren (emotional unzugänglich, jähzornig) oder das genaue Gegenteil (unverbindlich, weil echte Nähe mich überforderte). Erst mit therapeutischer Unterstützung konnte ich erkennen, dass ich in Beziehungen immer wieder versuchte, die Beziehung zu meinem Vater zu „reparieren“.

 

Im Selbstbild

 

Mein Selbstwert wurde maßgeblich von seiner Bestätigung oder Ablehnung bestimmt. Auch heute noch suche ich unbewusst nach der Anerkennung von männlichen Autoritätsfiguren. Gleichzeitig habe ich gelernt, mich nicht mehr über seine – oder anderer Männer – Urteil zu definieren. Aber es bleibt eine sensible Stelle.

 

Im Umgang mit eigenen Gefühlen

 

Wut ist für mich bis heute das schwierigste Gefühl. Entweder unterdrücke ich sie, bis ich explodiere, oder ich richte sie gegen mich selbst. Ich arbeite daran, einen gesunden Umgang zu finden – Wut als Signal wahrzunehmen, ohne mich von ihr überfluten zu lassen oder sie gegen andere zu richten.

 

Berufliche Auswirkungen

 

Interessanterweise habe ich beruflich oft Führungspositionen übernommen – vielleicht der unbewusste Versuch, die Macht zu haben, die ich als Kind nicht hatte. Aber ich hatte lange Schwierigkeiten mit Vorgesetzten, die mir zu autoritär waren. Mein Überlebensinstinkt reagierte sofort mit Angst oder Gegenwehr, auch wenn die Situation völlig harmlos war.

 


 

Was anders ist – und was gleich

 

Unterschiede zur Mutter mit BPS

 

  • Wahrnehmung nach außen: Die Erkrankung des Vaters wird oft übersehen, verharmlost oder als „Charakter“ abgetan
  • Rollenbild: Der Vater als Beschützer – wenn er selbst zur Bedrohung wird, entsteht ein besonders tiefer Vertrauensbruch
  • Körperliche Präsenz: Bei Vätern kann die körperliche Bedrohung (Größe, Kraft) eine zusätzliche Dimension der Angst sein
  • Geschlechtsidentität: Für Töchter prägt es das Bild von Männern, für Söhne das eigene Männlichkeitsbild

Was sich gleicht

 

  • Die emotionale Unberechenbarkeit
  • Die verkehrte Eltern-Kind-Rolle
  • Die Spaltung zwischen Idealisierung und Abwertung
  • Die langfristigen Folgen für Selbstwert, Beziehungsfähigkeit und emotionale Regulatio

 

Was ich mir als erwachsenes Kind wünsche

 

Ich wünsche mir, dass die Erkrankung von Vätern genauso ernst genommen wird wie die von Müttern. Dass nicht mehr gesagt wird: „Ach, der ist halt cholerisch“ oder „So sind Männer eben“. Die BPS meines Vaters war keine Macke – sie hat meine Kindheit geprägt und Narben hinterlassen, die nicht weniger tief sind als bei Kindern von Müttern mit BPS.

Ich wünsche mir Verständnis dafür, dass mein Verhältnis zu meinem Vater kompliziert ist. Ich kann ihn nicht einfach verurteilen – ich sehe auch den verletzlichen Mann, der selbst tiefe Wunden trägt. Aber ich kann auch nicht so tun, als sei nichts gewesen. Die Liebe zu ihm und die Wut über das, was er mir angetan hat, existieren nebeneinander.

Und ich wünsche mir, dass andere erwachsene Kinder in ähnlichen Situationen wissen: Du musst nicht alles allein tragen. Die Scham ist groß, das Schweigen oft tief – aber du bist nicht allein. Es gibt andere, die Ähnliches erlebt haben. Und es ist möglich, einen Weg zu finden, der nicht von dieser Kindheit bestimmt wird.

 

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Dieser Text gibt persönliche Erfahrungen wieder und erhebt keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Die Auswirkungen einer Borderline-Persönlichkeitsstörung des Vaters können je nach Schweregrad, familiärem Umfeld, weiteren Bezugspersonen und individuellen Bewältigungsstrategien variieren.

 

 

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