Verdrängung von Schuld: Wie und warum?

 

Keine Frage: Damit wir uns richtig wohl fühlen können, müssen Sündenböcke her: Schuld muss aufgelöst, versteckt, wegerklärt, verdrängt werden, Ausreden müssen produziert werden – das wird in der Psychologie »Exkulpieren« genannt. Aber macht das wirklich Sinn für unsere Psyche und unser seelisches Wohlbefinden? 

 

Heiko Ernst beschreibt in seinem unterhaltsamen Buch »Wie uns der Teufel reitet« unter der denkwürdigen Kapitelüberschrift »Ego me absolvo (Ich spreche mich los)« eine Litanei von sechs zeitgemäßen Ausreden. Nach seiner Beobachtung haben wir uns längst an die exkulpierenden Argumentationsfiguren gewöhnt und sie in unsere Denk- und Erklärungsschemata verinnerlicht. Etwa die große Ausrede des kulturell bedingten Werterelativismus (»Es gibt in einer modernen Gesellschaft keine für alle verbindliche Ethik. Jeder hat ein Recht darauf, dass seine Werte respektiert werden«), die genetisch-biologische Ausrede (»Ich kann nicht anders, ich habe halt ein Wut-Gen«), die Ausrede der nicht vorhandenen oder beschränkten Willensfreiheit (»Das Gehirn hat seine Programmierungen und tut im Grunde nur, was es will, wir sehen das post facto als unseren Willen an«). »Dann ist da noch die gute alte nietzscheanische Gott-ist-tot-These (›Religion ist eine Erfindung zur Gängelung der Starken, ich brauche keine Moral!‹) und schließlich die soziologischen Theorien der Anomie oder der Entfremdung (›Wir sind alle Opfer der Verhältnisse‹) oder der situationistische Ansatz der Sozialpsychologie (›Aus Normalbürgern werden unter bestimmten Bedingungen in kürzester Zeit Folterknechte‹).« »Ego me absolvo«: In der Tat, das Exkulpieren ist zum modernen Abwehrmechanismus schlechthin geworden.

 

Es ist hochproblematisch, wenn die Psychotherapie »physiologische« Schuldgefühle wegerklärt und damit pathologisiert – und so den Weg zu einer Besserung verstellt. Denn Besserung erfordert eine Kehrtwendung des ursprünglich eingeschlagenen Lebenswandels. Man könnte auch von psychodynamischer »Umkehr« sprechen. Das Wort »Umkehr« bedeutet ein Innehalten auf dem Weg, ein Besinnen, das Erkennen, dass man falsch unterwegs war und sich neu orientieren, die Richtung wechseln oder aktiv zurückgehen sollte. Denken wir etwa an einen aggressiven, rücksichtslosen Ehemann, der durch irgendeine Einsicht oder ein einschneidendes Erlebnis plötzlich beginnt, seine Frau wieder zu achten und zu ehren. Eine solche Änderung, die ihm und seiner Frau guttäte, setzt die Erkenntnis und Einsicht in die begangene Tat voraus und die Selbstbeurteilung als Schuld.

 

Wie wir sehen, ist es tatsächlich schmerzhaft, Mist zu bauen. Schmerzhaft für sich, und schmerzhaft für andere. Die Psychotherapie ist dazu da, jeden psychischen Schmerz zu lindern – prinzipiell auch den Schmerz der Schuld. Aber manchmal schüttet sie das Kind mit dem Bade aus, indem sie schmerzlindernd das Böse gut nennt und den Mist, den wir gebaut haben, in ihrer Hilflosigkeit zu Gold umdeutet. Mit dieser Zementierung der Vermeidenshaltung steigert sie aber noch die Angst vor der Fehlerhaftigkeit. Das ist zu billig – weil dem Menschen nicht gemäß. Damit bleibt die verdrängte Schuld im Unbewussten und beginnt ein Eigenleben.

 

So manche Psychotherapie hat aufgrund ihres Weltbilds gar keinen Platz für so etwas wie reale Schuld. So kann der Therapeut zum Täter werden. Die oben beschriebene Umkehr wird nämlich durch ein Erklärungsmodell, das keine Schuld kennt, vielfach verunmöglicht.

 

Gríma Schlangenzunge, der engste Ratgeber von König Théoden von Rohan, lullt in »Der Herr der Ringe« von J. R. R. Tolkien seinen König mit psychotherapeutischen Weisheiten ein. Er paktiert – wie wir wissen, aber nicht der König – im Geheimen mit dem gemeinen Zauberer Saruman und paralysiert mit seinen Interventionen ein ganzes Königreich. Dem König redet er zunehmend Krankheiten ein, die sich angeblich nur dadurch heilen lassen, dass Théoden sich nicht mehr von seinem Thron wegbewegt, Licht und frische Luft vermeidet und die anstrengenden Staatsgeschäfte seinem treuen Diener Gríma überlässt. Das führt so weit, dass Théoden mit seinen Marschällen nicht mehr selbst spricht, sondern seinen Willen nur noch durch Gríma kundtun lässt.

 

Psychotherapeuten können in der Tat ihre Klienten in ungesunder Weise an sich binden, wenn sie sie in der Fremdbeschuldigung bestärken und in der Opferrolle fixieren. Therapiestunde für Therapiestunde wird dann über Monate und Jahre wiedergekäut, wie gemein die anderen sind. Und wie arm man selbst. Zunehmend verarmen dadurch die Beziehungen, Ehen gehen in die Brüche, und nichts ändert sich am Leidenszustand.

 

In der Psychotherapie geht es natürlich nicht darum, dass der Therapeut als eine Art moralischer Schiedsrichter zwischen Gut und Böse unterscheiden soll. Das wäre eher die Aufgabe eines Seelsorgers, der hilft, die moralischen Normen auf die konkrete Situation anzuwenden. Aber der Mensch auch psychisch leidet, darf in der Therapie nicht ausgeklammert werden.

 

Es ist nicht die Aufgabe des Psychotherapeuten, jemandem Schuld zuzuweisen. Aber genauso wenig ist es seine Aufgabe, jemanden von seiner Schuld freizusprechen, zu exkulpieren. Es ist bekanntlich ein unzulässiger Übergriff, wenn der Therapeut seine eigenen Werte dem Patienten aufdrängt. Aber genauso schlimm ist es, wenn er die ethischen Werte des Klienten durch Pathologisierung relativiert und damit den Hilfesuchenden selbst ent-wertet. So nach dem Motto: »Wenn Sie beim Ehebruch ein schlechtes Gewissen haben, ist das das Problem Ihres unflexiblen Moralverständnisses.«

 

Aufgabe des Coachings und der Psychotherapie muss es sein, Schuldgefühle wahr- und ernst zu nehmen, also nicht vorschnell zu bagatellisieren, umzudeuten und wegzupsychologisieren. Viele Schuldgefühle werden allzu schnell verdrängt. Wenn sich Schuldgefühle zeigen, sollte der Coach primär einmal eine Ameise annehmen, mit der er behutsam umgehen muss. Legen wir die ideologische Brille ab, die in Schuldgefühlen eine therapiepflichtige Illusion sieht, weil sie Ameisen für denkunmöglich hält.

 

Die wenigen Fälle von pathologischen Schuldgefühlen müssen ausgesondert und therapiert werden. Bei physiologischen Schuldgefühlen hingegen kann die Therapie durch mutiges »Der Schuld ins Auge sehen« zu einer höheren Stufe der Selbsterkenntnis verhelfen. Das Bewusstsein »Auch dazu bin ich fähig« führt zu jenem psychodynamischen Idealzustand, der Selbsterkenntnis und Selbstannahme erst möglich macht. Als Methode wenden wir dabei gerne wie schon oft erwähnt die Tipping - Methode an. 

 

Eine 34-jährige Frau, Dorothea G., meldet sich und ihren um zehn Jahre älteren Mann, Ronald G., zur Paartherapie an. Zunächst allerdings drängt sie auf ein Vier-Augen-Gespräch mit dem Psychiater, um ihm ihren Fall darzulegen. Eine Stunde lang warnt sie ihn wortreich und blumig vor ihrem manipulativen Mann, der ihr Glück zerstört habe und alle Leute einkochen könne. Sie seien seit einem halben Jahr verheiratet, er sei steinreich und seit der Hochzeit fürchterlich knausrig. Außerdem sei er sehr charmant, der Coach solle sich hüten, auf ihn hereinzufallen. Er dürfe ihrem Mann natürlich nicht sagen, dass sie bereits bei ihm gewesen sei und dass der Therapeut seine dunklen Seiten schon kenne. Ihr Ziel sei der Erhalt der Ehe, denn sie sei eine strenggläubige Katholikin, und Scheidung komme nicht in Frage.

 

Außerdem wolle sie, dass er sich von Grund auf ändere, denn wie er sich benehme, das sei inakzeptabel. Er sei gefühlskalt, zu wenig großzügig und gehe seit der Hochzeit nicht mehr auf sie ein. Sie fühle sich jedenfalls sehr mit den katholischen Prinzipien verbunden, besonders was die Ehe betrifft. Die sei unauflöslich.

 

Auf Nachfragen kann der Coach herausfinden, dass sie sich für die Sonntagsmesse keine Zeit nimmt und auch sonstige Gebetsübungen aus Mangel an Gelegenheit nicht in den Tagesplan passten: »Ich bin ja keine Nonne!«

 

In der Woche darauf bringt sie den Übeltäter in die Praxis. Aus Gründen der Symmetrie spricht der Therapeut zuerst mit dem Ehemann alleine. Zu seiner Überraschung ist der Gatte recht vernünftig. Der Mann habe sich in ihr geirrt, man sei eben zusammen nur auf Partys in halb Europa gewesen, habe gemeinsam ein oberflächliches Leben mit Alkohol und Drogen geführt, und jetzt funktioniere der Alltag einfach nicht. Das tue ihm sehr leid, besonders für sie. Aber sie habe sehr auf die Ehe gedrängt, habe ihm auch eine Schwangerschaft vorgespielt, weswegen er sie dann standesamtlich geheiratet habe. Auf erstaunte Nachfrage gibt er an, dass sie kirchlich nicht hätten heiraten können, weil Dorothea ja schon zuvor kirchlich verheiratet gewesen sei. Sie sei gar nicht religiös, komme zwar aus einem religiösen Haus und kenne das Vokabular, gebe das aber nur vor, wenn es ihr nutze.

 

Er gibt zu, dass seine Liebe zu ihr abgekühlt sei, da sie massiv kontrollierend geworden sei und hauptsächlich Zugang zu allen Bankkonten haben wolle. Er sehe keine Chance mehr für die Ehe. Sein Auftrag an den Coach wäre eine friedliche Scheidung.

 

In der Sitzung zu dritt klärte der Paarberater kurz die Fakten: Tatsächlich war sie schon kirchlich verheiratet, aber die zweite, standesamtliche Ehe hält sie vor Gott für unauflöslich. Schließlich habe ein Pfarrer die Ehe auch gesegnet. Und das mit der Schwangerschaft habe sie damals wirklich geglaubt, zumindest anfangs, und dann … (undeutliches Gemurmel).

 

Der Berater wechselt das Thema und bittet, jeweils positive Dinge über den Partner aufzuzählen. Der Mann beginnt und gibt sich ernsthaft Mühe, ihre Stärken herauszuarbeiten. Er kommt auf sieben Eigenschaften. Als sie an der Reihe ist, sagt sie nur, dass er vor der Hochzeit großzügig gewesen sei, jetzt aber knausrig. »Positiv!«, mahnt der Coach freundlich ein. Gut, also vor der Hochzeit sei er zärtlich gewesen, jetzt aber gleichgültig.

 

Nach drei weiteren Versuchen gibt der Coach auf: Versuchen wir es mit einer selbstkritischen Analyse der eigenen Rolle? Ronald G. gibt seine Gefühlskälte zu, ebenso dass er sich geirrt habe und dass er sich jetzt auch dafür entschuldigen wolle. Als Frau G. an die Reihe kommt, antwortet sie: »Ich habe keine Fehler gemacht.« Der Coach versteht nicht. Jeder mache doch Fehler, wir seien ja Menschen. Nein, sie habe keine Fehler gemacht.

 

Das Gespräch wandelt sich zu einer Scheidungsmoderation. Sie stellt hohe finanzielle Forderungen – er willigt sofort ein. Beim Hinausgehen flüstert sie dem Coach zu: »Er hat Sie eingekocht!«

 

ANALYSE: Dorothea G. hat Defizite in der Selbsterkenntnis: Sie kann oder will ihre Handlungsmotive und Defekte bei sich selbst nicht wahrnehmen. Dadurch wirft sie dem Ehemann das vor, was sie selbst am meisten auszeichnet: manipulatives Verhalten.

 

Relativ selten kommt es vor, dass jemand sich für etwas schuldig fühlt, woran er gar nicht schuldig ist. Das ist dann ein psychiatrischer Fall. Normalerweise hat man aber Schuldgefühle, weil man schuldig ist. Es ist völlig normal, schuldig zu werden. Das menschliche Leben besteht darin, Unrecht zu erleiden und Unrecht zu tun. Schuldbewusstsein, Schuldgefühle, Gewissensbisse und ein schlechtes Gewissen sind an und für sich Zeichen für psychische Gesundheit. Wer sich seiner Schuld stellt und sie adäquat bearbeitet, gewinnt an Handlungsspielraum.

 

 

Foto von Hannah Xu auf Unsplash

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