Mütter mit Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) – Besonderheiten und Auswirkungen auf Kinder

Aus der Perspektive eines erwachsenen Kindes

 

Als erwachsenes Kind einer Mutter mit Borderline-Persönlichkeitsstörung blicke ich auf eine Kindheit und Jugend zurück, die von extremen emotionalen Kontrasten, Unsicherheit und einer verkehrten Eltern-Kind-Rolle geprägt war. Was folgt, ist der Versuch, diese Erfahrung einzuordnen.

 


 

Besonderheiten der Mutter-Kind-Beziehung

 

1. Emotionale Unberechenbarkeit

 

Meine Mutter liebte mich intensiv – bis sie es plötzlich nicht mehr tat. Ihre Zuneigung wechselte innerhalb von Minuten zu Abwertung, Wut oder völligem Rückzug. Ich lernte früh, ihre Stimmung an kleinsten Signalen abzulesen: die Art, wie sie die Tasse abstellte, ein bestimmter Blick. Meine kindliche Logik sagte mir: Wenn ich nur richtig funktioniere, bleibt sie mir zugewandt.

 

2. Verschwimmende Grenzen

 

Es gab keine klare Trennung zwischen ihr und mir. Meine Gefühle waren ihre Gefühle, meine Probleme wurden zu ihren Problemen – oder umgekehrt. Ich war ihre Vertraute, ihre Trösterin, manchmal sogar ihre „Therapeutin“. Gleichzeitig musste ich lernen, meine eigenen Bedürfnisse unsichtbar zu machen, denn wenn ich eigene Wünsche äußerte, die nicht in ihr Weltbild passten, fühlte sie sich angegriffen oder verlassen.

 

3. Die verkehrte Welt der Fürsorge

 

Schon als Kind kümmerte ich mich um sie. Ich hielt sie in Krisen aus, beschwichtigte, machte mir Sorgen, wenn sie nächtelang nicht schlief oder impulsiv handelte. Wenn sie nach einem Streit mit meinem Vater drohte, „einfach wegzufahren“, übernahm ich die Rolle des emotionalen Haltes. Meine eigene Kindheit fand im Verborgenen statt.

 

4. Spaltung – Engel oder Teufel

 

Für meine Mutter gab es oft nur extremes Gut oder extrem Böse. Mal war ich „das Beste, was ihr je passiert ist“, dann wieder „undankbar“, „egoistisch“ oder „genau wie mein Vater“ (was in ihren Augen das Schlimmste war). Diese Schwarz-Weiß-Denken machte es unmöglich, ein stabiles Selbstbild zu entwickeln. Wer war ich wirklich? Die gute Tochter oder die böse?

 


 

Auswirkungen auf die Kindheit

 

Frühe Verlustängste und Hypervigilanz

 

Ich entwickelte eine übermäßige Wachsamkeit. Ich hörte auf ihr Atmen, um zu wissen, ob sie schlief oder ob noch Gefahr drohte. Ich konnte nicht entspannen, denn jeder unachtsame Moment konnte eine Krise auslösen. Verlustängste wurden zu meinem ständigen Begleiter – ich hatte früh gelernt, dass Liebe jederzeit entzogen werden kann.

 

Fehlende emotionale Spiegelung

 

Eine gesunde Entwicklung braucht eine Mutter, die Gefühle spiegelt und benennt. Bei uns spiegelte sie stattdessen ihre eigenen Gefühle in mich hinein. War sie traurig, sollte ich traurig sein. War sie wütend, musste ich mich mit ihr gegen „die da draußen“ verbünden. Meine eigenen Emotionen lernte ich zu ignorieren – sie waren ohnehin nie so wichtig wie ihre.

 

Übernahme von Verantwortung

 

Ich war keine gewöhnliche Grundschülerin. Ich sorgte dafür, dass der Haushalt lief, kümmerte mich um meine jüngeren Geschwister, löste Konflikte zwischen meinen Eltern. Ich wusste, wie man eine Kreditkartenabrechnung versteckte, wenn sie wieder zu viel ausgegeben hatte. Man nannte mich „altklug“ – dabei war ich einfach nur früh erwachsen geworden, um zu überleben.

 

Scham und Geheimhaltung

 

Ich entwickelte ein tiefes Schamgefühl. Niemand durfte wissen, wie es zu Hause wirklich aussah. Ich erfand Ausreden für ihre Verletzungen (wenn sie sich in selbstverletzenden Impulsen verletzt hatte), log über ihre Abwesenheiten, vermied Übernachtungen bei Freundinnen aus Angst, was in der Zwischenzeit passieren könnte. Diese Geheimhaltung wurde zu einem lebenslangen Muster.

 


 

Auswirkungen auf die Jugend

 

Identitätssuche im Minenfeld

 

Die Adoleszenz – eigentlich eine Zeit der Ablösung – war bei uns ein offener Konflikt. Jeder Schritt in Richtung Autonomie wurde als Verrat erlebt. Eigene Freundschaften, eigene Meinungen, erste romantische Beziehungen – alles löste bei ihr Verlassenheitsängste oder aggressive Reaktionen aus. Ich lernte, mein Leben in zwei Welten zu teilen: eine äußere, in der ich „normal“ wirkte, und eine innere, in der ich die Last zu Hause trug.

 

Risiko der Wiederholung in Beziehungen

 

Meine erste feste Beziehung mit 16 war mit einem emotional unberechenbaren Jungen – das fühlte sich paradoxerweise „vertraut“ an. Ich wusste, wie man mit Stimmungsschwankungen umging, wie man beschwichtigte, wie man es allen recht machte. Gesunde Beziehungen mit klaren Grenzen kamen mir zunächst kalt und distanziert vor. Es dauerte Jahre zu verstehen, dass Liebe nicht bedeuten muss, sich selbst aufzugeben.

 

Perfektionismus oder Selbstaufgabe

 

Ich entwickelte zwei scheinbar gegensätzliche Strategien: Entweder wurde ich perfekt – Bestnoten, keine Fehler, unauffällig – um keine Angriffsfläche zu bieten. Oder ich machte mich unsichtbar, verschwand in meinem Zimmer, aß heimlich, verletzte mich still, um den Druck irgendwo abzulassen. Beides war der verzweifelte Versuch, Kontrolle zu behalten, wo keine war.

 

Schwierigkeiten mit eigenen Gefühlen

 

Ich konnte in Krisen erstaunlich ruhig und funktional sein – aber weinen? Wut zeigen? Für mich selbst einstehen? Das waren fast unmögliche Dinge. Entweder fühlte ich gar nichts oder alles auf einmal, überwältigt. Meine Gefühle schienen nie in einem normalen Maß zu existieren. Therapeuten nannten das später „emotionale Dysregulation“ – ich kannte es als meinen Alltag.

 


 

Langfristige Folgen im Erwachsenenalter

 

Im Beziehungsleben

 

Ich neige dazu, Verantwortung für die Gefühle anderer zu übernehmen und habe Schwierigkeiten, meine eigenen Bedürfnisse zu erkennen und zu äußern. Kritik kann mich unerwartet stark treffen – sie weckt die alte Angst, wieder die „böse Tochter“ zu sein. Gleichzeitig habe ich gelernt, Grenzen zu setzen, aber es fällt mir oft schwer, sie ohne Schuldgefühle aufrechtzuerhalten.

 

Im Selbstbild

 

Mein Selbstwertgefühl ist fragil. Es schwankt zwischen Überlegenheitsgefühlen („Ich habe alles allein geschafft!“) und tiefer Minderwertigkeit („Wenn meine eigene Mutter mich nicht lieben konnte – wer soll es dann?“). Die Stimme meiner Mutter lebt in meinem Kopf weiter: mal anspornend, mal vernichtend.

 

Im Umgang mit Belastungen

 

Ich bin hochfunktional im Alltag, aber Stress lässt mich schnell in alte Muster fallen. Ich habe gelernt, Hilfe anzunehmen – das war ein langer Weg. Früher dachte ich, alles allein schaffen zu müssen. Heute weiß ich: Diese Überlebensstrategie war nötig, aber ich darf sie jetzt hinter mir lassen.

 


 

Was ich mir als erwachsenes Kind wünsche

 

Ich wünsche mir, dass gesehen wird: Ich liebe meine Mutter. Aber diese Liebe war immer auch Überlebenskampf. Ich möchte nicht als „Opfer“ betrachtet werden, aber auch nicht als jemand, der einfach „darüber hinwegkommen“ kann.

Ich habe gelernt, dass ihre Krankheit nicht meine Schuld war – und nicht meine Verantwortung. Die Umkehrung der Fürsorge in meiner Kindheit kann ich heute benennen, und ich arbeite daran, neue Wege im Umgang mit ihr zu finden, die mich nicht mehr zerstören.

 

Am meisten aber wünsche ich mir Verständnis dafür, dass die Folgen einer solchen Kindheit nicht mit dem Auszug enden. Sie wirken nach – in meinen Beziehungen, meinem Körpergefühl, meinem Selbstwert. Und sie heilen nicht einfach, sondern brauchen Zeit, Geduld und oft professionelle Unterstützung.

 

 

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